Mit überschwänglichem Schlussapplaus bedankte sich in der Heidelberger Peterskirche das Publikum für eine beeindruckende Aufführung des Oratoriums Tobit von Georg Friedrich Händel bei dem Solistenensemble, der Jungen Kantorei, dem Barockorchester Frankfurt und dem Spiritus Rector, Joachim Carlos Martini. Es verwundert nicht, dass das dreiaktige Oratorium nur einem kleinen Kreis von Händel-Spezialisten bekannt ist, erklang es doch vermutlich erst- und letztmalig in der Mitte des 18. Jahrhunderts in London. Die Partitur gelangte auf einigen Umwegen in die Pariser Nationalbibliothek und wurde dort schon vor einiger Zeit von einem amerikanischen Musikwissenschaftler aufgespürt und der wissenschaftlichen Öffentlichkeit vorgestellt.
Joachim C. Martini ist wohl danach der erste, der auf Grund gründlichen Quellenstudiums es mit hörbarem Erfolg gewagt hat, Tobit auch akustisch zu realisieren. Seine Beiträge im Programmheft dazu, das unverzichtbar war, um den englisch gesungenen Text anhand der Parallel-Übersetzung und Inhaltsangabe zu folgen, sind in ihrer Mischung aus wissenschaftlicher Exaktheit und Allgemeinverständlichkeit durchaus beispielgebend, hätten aber konzentrierter auf dieses Werk bezogen formuliert werden können. Vor aIlem wären Überlegungen informativ gewesen zum barocken Kulturbetrieb im Umkreis von Händel.
Musik von Georg Friedrich Händel, Compilation von John Christopher Smith, herausgegeben von Joachim C. Martini so las man es auf den Plakaten. Gewiss, es erklang Musik von Händel, aber die 65 Nummem des Oratoriums Tobit verweisen keineswegs auf eine eigenständige Komposition Händels, sondern in Zusammenarbeit mit seinem Librettisten, dem Theologen Thomas Morell, stellte John Christopher Smith jun., Händels Schüler, Mitarbeiter, Kopist und auch eigenständiger Komponist, ein Pasticcio-Oratorium zusammen:
Aus knapp dreißig Händel-Oratorien und vor allem -Opern wählte Smith passende musikalische Nummern aus und fügte Rezitative und Accompagnati aus eigener Feder hinzu, nur an wenigen Stellen in verwunderlicher Diskrepanz zwischen textlichem und musikalischem Ausdruck, aber insgesamt doch als Compilation gelungen. Und dieses Pasticcio, diese Pastete, hatte kenntnisreich Joachim C. Martini noch mit eigenen stilgerechten Vorstellungen aus Händels Oeuvre gewürzt.
Man kann manchen Besucher dieses Konzertes verstehen, der gewisse Zweifel hegt, ob es sinnvoll ist, ein solch kurioses Werk des 18. Jahrhunderts wieder aufzuführen, der über drei Stunden (eine wohltuende Pause nicht mitgerechnet) auf harten Kirchenstühlen ausharrt und bei allem Bemühen um ein stimmiges Gesamtkonzept auch musikalisch Belangloses neben viel Beeindruckendem erlebt hat.
Zu würdigen ist, dass unter dem eindrücklichen, die differenzierte Tonsprache Händels in den jeweiligen Nummern wirkungsvoll gestalteten Dirigat von Joachim C. Martini das Frankfurter Barockorchester in historischer Aufführungspraxis gewichtige Akzente setzte und die Junge Kantorei mit ihrer deutlichen Artikulation erheblich zum Erfolg dieses Konzertes beitrug. Ganz wesentlich allerdings wurde das Konzert von dem Solistenensemble geprägt: Es war ein Genuss, den drei Sopranistinnen Maya Boog, Linda Perillo und Barbara Hannigan, der Mezzosopranistin Alison Browner, dem Tenor Knut Schoch und dem Bass-Bariton Stephan MacLeod zuzuhören: jeweils individuell geprägt im Timbre, alle bemerkenswert stilsicher und überzeugend in Ausdruck und Gestaltung.
So war es gerade dieses hervorragende Solistenensemble, welches die Aufführung von Georg Friedrich Händels Oratorium Tobit rechtfertigte.
Rhein-Neckar-Zeitung vom 13.6.2001
Werner Straube