KLOSTER EBERBACH. Es war schon eine kleine Rarität, die Joachim Carlos Martini, der Leiter der Jungen Kantorei Frankfurt, ausgegraben hatte und die am Pfingstsonntag in der Basilika des Klosters Eberbach zur deutschen Erstaufführung gebracht worden ist: Georg Friedrich Händels Oratorium „Il Trionfo del Tempo e della Verità“. Die letzte Aufführung dieses Werkes, das Händel in seinem Leben so oft umgearbeitet hat, liegt über 250 Jahre zurück und ist auf 1739 datiert.
Erzählt wird die Geschichte von vier Allegorien, die sich über vier Stunden mit Hilfe von mehr als 60 Rezitativen und Arien über das Problem der ewigen Schönheit zanken. Zu deutsch: die Thematik ist eine Auseinandersetzung über die Vergänglichkeit allen irdischen Daseins, was heißt, man muß schon ein echter Händel-Fan sein, um mit ungeteilter Begeisterung dem Inhalt dieses Oratoriums zu folgen. Denn das, was die „Schönheit", die „Lebenslust“, der „Geist“ und die „Zeit“ an Dialogen miteinander verbringen, würde selbst die letztgenannte Allegorie an den Rand der Verzweiflung treiben. Händel hat nicht nur sein Oratorium mehrfach umgearbeitet, zu allem Überfluß ist das Libretto des Kardinals Benedetto Pamphili in einer (schon zu Händels Zeiten) archaisierenden Sprache verfaßt. Was bringt also einen renommierten Dirigenten dazu, gerade ein solches Oratorium aufzuführen? Joachim Carlos Martini gab mit dem Konzert die Antwort musikalisch: die Freude an der reinen, perfekten Rekonstruktion.
Da erklang in der vollbesetzten Basilika des Klosters ein Händel, der zeigt, was historische Aufführungspraxis sein kann. Mit „seiner“ Jungen Kantorei, dem Barockorchester Frankfurt sowie vier mit allem Einfühlungsvermögen ausgewählten Solisten gestaltete er ein Oratorium, das trotz des nie enden wollenden Quintenzirkels, durch den uns Händel schleift, kaum Langeweile aufkommen ließ. War es der schlanke, filigrane Klang, mit dem das Barockorchester auf seinen historischen Instrumenten (und der tiefen Stimmung von 415 Hertz) den Raum füllte? Jene affektgeladene Musizierweise, die auch ohne Textkenntnis die jeweilige Stimmung so prächtig vermittelte? Waren es die Solisten, deren Stimmcharakterisierung so vorzüglich zu den Figuren paßte? Von allem ein wenig. Denn es gehört schon einiges dazu, über vier Stunden sein Publikum in der kalten Basilika (die erfahrenen Konzertbesucher hatten freilich trotz der Schwüle draußen Wolldecken dabei) derart zu fesseln.
Und Martini legte sorgsam Hand an jedes Detail, feilte und formte, bis sich auch im letzten Zweifler der Eindruck zu festigen begann, es könne doch so etwas wie eine authentische Wiedergabe geben: Das Orchester, - natürlich - in der alten deutschen Plazierung sitzend, legte diesen dynamischen Tonfall schon mit den ersten Takten vor, der niemals schrill oder fiepsig wirkte, wie die Gegner der Rekonstruktivisten so gerne behaupten. Und mit dem Engagement der beiden schlanken Sopranistinnen Claron McFadden und Elisabeth Scholl sowie dem Countertenor Peer Abilgaard und dem Altus Nicholas Hariades ist ein ganz großer Wurf gelungen. Gerade der junge Hariades legte eine affektausdeutende Vielseitigkeit an den Tag, die nur noch begeistern konnte und einem darüber hinwegzuhelfen vermochte, daß viele Stellen und Arien entweder dem immergleichen Aufbau folgten oder aus anderen Händel-Opern schon bekannt waren.
Die einzige - aber verzeihbare - Unklarheit war die Stärke des ansonsten exzellenten Chores. Dieser war mit weit mehr als 100 Kehlen vollkommen überproportioniert gewesen.
Gießener Anzeiger vom 2. Juni 1998
Christian Rupp