Reue über die Sünde der Schönheit

Händel-Oratorium in Kloster Eberbach

In magischer Dreimaligkeit bearbeitete Georg Friedrich Händel im Laufe seines Lebens den Stoff des Triumphes von Zeit und Weisheit über Schönheit und Vergnügen: in seinem ersten Oratorium, das er in den Jahren 1707 und 1708 in Rom komponierte. Dann wieder 1737, als neben seinem Unternehmen auch seine Gesundheit zusammenzubrechen drohte, und wiederum 20 Jahre später, kurz vor seinem Tod, erblindet und gebrochen: Die Thematik schien ihm von Belang zu sein. Zusammen mit einigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hat Joachim Carlos Martini die mittlere Fassung des Oratoriums, „II Trionfo del Tempo e della Verità“ rekonstruiert.

Unter seiner Leitung erlebte sie ihre deutsche Erstaufführung im Rahmen des traditionellen Pfingstkonzertes in der Basilika von Kloster Eberbach mit der Jungen Kantorei und dem Frankfurter Barockorchester mit erstklassigen Solisten: Allen voran begeisterte Elisabeth Scholl als Piacere (Weltliches Vergnügen) mit ihrer an offener Höhe federnd aufgehängter Rundheit, gegen die der klare Sopran von Claron McFadden als Bellezza (die Schönheit) eher metallisch geradeaus klang. Weil der Altus David Cordier kurzfristig ausfiel, ist der kaum dreißigjährige Countertenor Peer Abilgaard eingesprungen und hat sich die anspruchsvolle Partie des Disinganno (der Weisheit) innerhalb von vier (!) Tagen makellos angeeignet. Er bezauberte mit einer tragfägen, knabenhaft klaren Höhe. Der unverwechselbare Altus von Nicholas Hariades prägte die Rolle des Tempo (der Zeit) so, daß man eine dezent-ironische Distanzierung mitzuhören glaubte, die den Textgehalt zugleich verzieh und überhöhte.

Die Handlung beginnt mit einem Blick der Bellezza in den Spiegel und ihrer keimenden Furcht vor den gierigen Zähnen der Zeit. Schon hauen Tempo und Disinganno in die Kerbe: „Deine Schönheit wird vergehn“. Der puritanische Zeitgeist will, daß Zeit und Weisheit der Lebensfreude Realitätsverlust vorwerfen und Bellezza ins Kloster gehen lassen, um die vermeintliche Sünde ihrer Schönheit zu sühnen.

Diese auskomponierte Reue konnte über die zweite Hälfte der nahezu vierstündigen Aufführung ziemlich auf die Nerven gehen. Aber die Musik neutralisierte mit ihrem barock gegeneinander abgesetzten Farbreichtum der verschiedenen Instrumentierungen die Moralinsäure des Textes. Aus dem gerechtfertigten Vertrauen darauf, daß das direkte aufeinander Reagieren der Musiker zu geschmeidigeren Ergebnissen führte als der Umweg über den Dirigenten, zog Martini sich in den kammermusikalischen Einlagen aus der Rolle des Dirigenten zurück.

Wenn der Chor auch selbst nur sehr selten zum Zuge kam, so schien er umso stärker die Atmospäre mitzubestimmen, in der hier musiziert wurde: Fundierte wie lebendige Annäherung an die Musik prägten dieses außergewöhnlich reizvolle Klangerlebnis.

Wiesbadener Kurier vom 2. Juni 1998
Doris Kösterke