Von Schönheit und Lust

Pfingstkonzert der „Jungen Kantorei“ in Kloster Eberbach

Angetreten waren: Die Schönheit, die Weltlust, die Weisheit und die Zeit. Ziel ihrer mehrstündigen Debatte: Die jeweils andere Partei auf die eigene Seite zu bekommen. Die Feder führte dabei ein Kardinal, der Ausgang war vorprogrammiert zugunsten der genußfeindlichen Elemente. Die Musik aber stammt von Georg Friedrich Händel, und damit wird der Wettstreit zur Klangschlacht. Ein Händel-Oratorium zu Pfingsten, noch dazu ein gänzlich unbekanntes, keine Frage, wer dahinter steckt. Regelmäßig zu dieser Zeit zieht die Frankfurter "Junge Kantorei“, angeführt von ihrem sich nie wiederholenden Musikforscher Joachim Carlos Martini, rheinabwärts nach Kloster Eberbach, um ein neues Oratorium zu präsentieren. So neu wie diesmal allerdings war es noch nie. Druck-feucht noch die Noten, die Partitur von Martini selbst in mühevoller Mikrofilm-Kleinarbeit rekonstruiert: „Il Trionfo del Tempo e della Verità“ schlummerte vergessen 250 Jahre, bis zur ersten Wiederaufführung jetzt.

Joachim Martini ist Enzyklopädist. Mit einem Gerüst begnügt er sich nicht, er will ein Oratorium so ganzheitlich wiederbeleben, wie es damals war. Komplette Orgelkonzerte werden integriert, instrumentale Sonaten, alternative Arien. Bei ihm bekommt man immer mehr als unbedingt nötig, reichste Ausstattung im Instrumentalen bis zum exotischen Carillon, das er seit seinem letzen Händel, „Saul“ 1997, ins Herz geschlossen hat.

Die „Junge Kantorei“ ist ein großer, aus vier kammermusikalisch kleinen Teilchören gebildeter Oratorien-Chor von hervorragender Qualität. Ihm zu Diensten steht das „Barockorchester Frankfurt“, ein Ensemble mit Originalinstrumenten, das Martini vor gut zehn Jahren gründete, um seine historisch präzise geschliffenen Oratorien-Projekte angemessen zu instrumentieren. Diese Musiker sind Spezialisten im barocken Spiel - reißt, wie jetzt in Kloster Eberbach, der Konzertmeisterin Judith Freise eine Darmsaite, dehnt Rien Voskuilen am Cembalo sein Arien-Vorspiel um die nötigen Minuten aus. Nahtlos, versteht sich, und so organisch wie all die von den Musikern improvisierten Elemente und Verzierungen.

„II Trionfo del Tempo e della Verità“ also der neueste Streich: Vier allegorische Gestalten balgen sich tonreich darum, wie sich's am besten lebt. Dabei wird die „Schönheit“, scharf und klar gesungen von der Sopranistin Claron McFadden, von der „hochmütigen, bissig zuschnappenden Zeit“ und der ebenso kardinal-reaktionären „Weisheit“ auf den Weg der Vernunft gebracht - die beiden Countertenöre Nicholas Hariades und Peer Abilgaard gaben ihre Altstimmen dazu.

Die weitaus besseren Argumente und die herrlichste Stimme hatte allerdings die "Weltlust" in Person von Elisabeth Scholl: Ein warmer, voller Sopran mit außerordentlich vielen Schattierungen, barockerfahren in den Verzierungen der Da Capi, ein ganz rollenideal lustvolles Organ. Ihrem leicht abgedunkelten Sopran bekam gut, womit die beiden Countertenöre in der Tiefe etwas zu kämpfen hatten: Die, ganz nach alter Art, tiefergelegte Stimmung von Vier-fünfzehn - das übrigens nicht nur der Stimmton in Hertz, sondern hier auch die Gesamtdauer in Stunden. Bei Martini und der Jungen Kantorei geht es eben vollständig zu.

Frankfurter Rundschau vom 3. Juni 1998
Stefan Schickhaus