Joachim Carlos Martini könnte es sich auch einfacher machen. Als wäre es nicht schon ein genügend großer Kraftakt, jedes Jahr zu Pfingsten ein vielstündiges Händel-Oratorium zu stemmen, ging der Leiter der Frankfurter „Jungen Kantorei“ dieses Mal noch einen Schritt weiter. Er reanimierte ein Werk, das so noch gar nicht in Partitur vorlag. Er und seine Mitstreiter sondierten dazu historisches Material, verglichen Fassungen, instrumentierten und komplettierten. Pünktlich zum traditionellen Pfingstkonzert in Kloster Eberbach im Rheingau war das Werk geschafft: „Il Trionfo del Tempo e della Verità“ von Georg Friedrich Händel Querstrich Martini erlebte seine erste Wiederaufführung seit Händels Zeit, gleichzeitig kontinentale Erstaufführung, vier Stunden neue, stilistisch vielgliedrige Musik.
Joachim Carlos Martini, seine Kantorei und das von ihm eigens für Projekte wie dieses gegründete „Barockorchester Frankfurt“ haben in der Region ein Monopol, das in Frankfurt selbst jedoch merkwürdig wenig institutionelle Beachtung findet. Große oratorische Aufführungen gibt es nur aus dieser Hand in entsprechender Qualität, im historischen Klanggewand, mit instrumentalen und vokalen Spezialisten besetzt.
So braucht das „Barockorchester Frankfurt“ einen Vergleich mit ähnlich vielstimmigen Klangkörpern nicht zu scheuen. Seine Mitglieder sind Vollblut-Musiker, ein Großteil davon aus den Niederlanden, ohnehin ein gutes Pflaster für das Musizieren auf alten Instrumenten. Und wenn Joachim Carlos Martini selbst noch die Instrumentierung in der Hand hat wie hier als Herausgeber der „Trionfo“-Rekonstruktion, dann kann man von einer echten Klangpracht ausgehen. Martini ist Hedonist, was Farbigkeit angeht, er greift tief in den Malkasten barocker Töne.
Bei „Il Trionfo del Tempo e della Verità“ geht es thematisch darum, die allegorische Gestalt der „Schönheit“ vor den Versuchungen der „Weltlust“ zu bewahren. Angetreten dazu sind die „Zeit“ und die „Weisheit“, die - der Titel sagt es schon - letztendlich auch obsiegen. Leider, muß man sagen, denn wie so oft in der Musik singt das Negative in den viel schöneren Tönen.
Und hier mit der schönsten aller Stimmen, Elisabeth Scholl, die personifizierte “Lust«, verfügt über einen dermaßen runden, harmonischen, nuancenreichen Sopran, daß sie sowohl der „Schönheit“ (Claron McFadden) als auch den beiden Countertenören Nicholas Hariades und Peer Abilgaard als „Zeit“ und „Weisheit“ ganz deutlich den Rang ablief. Interessanter, weil ausgeglichener, wäre das Duell wohl ausgefallen, hätte die „Weisheit“ der ursprünglich geplante David Cordier gesungen. Peer Abilgaard, dem noch jungen Countertenor aus Kassel, blieb für diese 4-Stunden-Partitur nur eine Woche Studium. Dafür war die Leistung allerdings großartig, die Technik ohnehin makellos und er im Umgehen der Bruststimmenklippen in der Tiefe geschickter noch als sein Kollege Nicholas Hariades. Dieser punktete dafür mit seiner um einige Grade wärmeren Stimmfarbe, was beide auf die gleiche Qualitätsstufe stellte.
Ein Niveau, wie es Martini und die „Junge Kantorei“ bieten, setzt sich mittlerweile auch überregional durch. Mit „Il Trionfo“ werden sie 1999 bei den Händelfestspielen in Karlsruhe gastieren, im gleichen Jahr wird dann auch erscheinen, was für das Label „Naxos“ jetzt in Kloster Eberbach mitgeschnitten wurde. Zur Erstaufführung auch gleich die Ersteinspielung, das war es absolut wert.
Main-Echo Aschaffenburg vom 6. Juni 1998
Stefan Schickhaus