Ein anregender Kampf um die Seele der Schönheit

Händels erstes Oratorium „Il trionfo del tempo e della verità“ im Badischen Staatstheater

„Il trionfo del tempo e della verità“ ist das jugendlichste, beschwingteste und, nicht nur durch den Text, italienischste der Oratorien Händels. Die Geschichte vom Triumph der Zeit und der Wahrheit über die Vergnügungssucht aus der Feder eines römischen Kardinals war 1707 Händels erstes Oratorium überhaupt, das Stück begleitete ihn aber sein Musikerleben lang. 1737, in einer existentiellen Krise, holte er es wieder hervor und führte es überarbeitet 1739 in London auf, und 1757 arbeitete er noch einmal daran. Danach geriet das Werk in Vergessenheit, um erst in den letzten Jahren eine Renaissance zu erfahren. Vor drei Jahren gaben sich die Schwetzinger Festspiele die Ehre, und nun hat das Badische Staatstheater „Il trionfo“ für die Händel-Festspiele entdeckt.

Die Aufführung im Großen Haus stellte ein ungetrübtes musikalisches Vergnügen dar: Die Arien gehören zu den schönsten, die Händel komponiert hat, und das Solistenquartett verstand es, diese Schönheit zu entfalten. Das Orchester, die Deutschen Händel-Solisten, war glänzend disponiert und spielte sehr lebendig, rhythmisch pointiert den Charakter jeder Arie unterstreichend.

Ein hochvirtuoses, rasant gespieltes Solo steuerte Konzertmeister Toni Steck bei, die Oboen und Flöten hatten klangschön konzertierende Auftritte in einigen Arien, und die beiden Cembalisten konnten einen Sonderapplaus für ihr Duett verbuchen. Joachim Carlos Martini, langjähriger Leiter der Jungen Kantorei und Dirigent dieser Aufführung, hatte seinen Chor mit vorbereitet, der die polyphonen Chorsätze sauber und durchhörbar sang. In „II trionfo“ hat der Chor allerdings nicht viel zu tun, es ist eher ein Oratorium für Solisten.

Claron McFadden als Bellezza, Elisabeth Scholl in der Rolle des Piacere, David Cordier als Disinganno und Kai Wessel als Tempo erwiesen sich als Glücksgriff. Die renommierten Barocksänger gaben den vergnüglichen Wortgefechten hinter dem Rücken des Dirigenten Sinn und Kontur. La Bellezza, die Schönheit, und Il Piacere, das Vergnügen, finden sich natürlich im Nu zusammen, um ihr Motto „Genieße das Leben“ den ernüchternden Argumenten von Il Disinganno, der Weisheit, und Il Tempo, der Zeit, entgegenzusetzen. In den Rezitativen wird um die Seele der Schönheit gekämpft, in den Arien werden Allegorien beschworen und Gefühle gespielt.

Claron McFadden bestach durch ihre nuancierte Gestaltung, obwohl ihr Sopran nicht mehr so schlackenlos ist wie letztes Jahr bei ihrem Karlsruher Debüt als Rodelinda. Überzeugend gab sie die ersten Zweifel der Schönheit an der Vergnügungssucht in zartem Piano, und nach der getragen gesungenen Bekehrung im dritten Teil des Oratoriums klang sie in ihrer Schlußarie schon himmlisch entrückt. Elisabeth Scholl ist eine Entdeckung für Karlsruhe, denn ihr Piacere verführte durch runden, schlank und biegsam geführten Sopran, der in einer zauberhaften Arie mit konzertierender Solovioline und Carillon das Publikum hinriß. Als kluge Interpretin sang sie ihr letztes Verführungsangebot, Händelianern als „Lascia ch'io pianga“ aus der Oper „Rinaldo“ bekannt, einfach nur schön. Doch die Schönheit hatte endgültig die Seite gewechselt, und so legte Elisabeth Scholl in der letzten Arie des Piacere starke Momente hin.

Die beiden Countertenöre Kai Wessel und besonders David Cordier verkörperten großartig ihre dankbaren Partien als Zeit der Weisheit. Der Zeit verlieh Kai Wessel eine fein ziselierte Linienführung, selbst wenn sie in einer allergorischen Arie nicht läuft, sondern dahinstürmt, während David Cordiers Weisheit gar nicht abgeklärt, sondern kämpferisch und temperamentvoll wirkte. So fand er leuchtende Töne für die Siegesarie über das Vergnügen. Inspiriert sangen die Solisten die drei reizvollen Quartette. Das Publikum kam zunehmend in Stimmung, was sich im Applaus für einzelne, sehr gelungene Arien und im begeisterten Schlußbeifall zeigte. Es hat sich gelohnt, dieses Oratorium wieder zu entdecken.

Badische Neueste Nachrichten vom 23.2.1999
Nike Luber